Elektroauto und Ölpreis: Warum du nicht so unabhängig bist, wie du denkst

Wer auf Elektroauto umgestiegen ist, kennt das gute Gefühl an der Zapfsäule vorbeifahren – während andere stöhnen, weil der Liter Benzin wieder teurer geworden ist. Dieses Gefühl ist real. Aber es trügt ein wenig.

Denn wer glaubt, mit einem Elektroauto vollständig vom Ölpreis abgekoppelt zu sein, übersieht, wie tief fossile Energie in unserem Alltag steckt – weit über den Tank hinaus.

Der direkte Vorteil – unbestreitbar

Zunächst das Offensichtliche: Wer elektrisch fährt, tankt keinen Diesel und kein Benzin. Schießen die Rohölpreise in die Höhe, bleibt die Rechnung beim Laden weitgehend stabil – zumindest solange der Strompreis mitzieht. In Ländern mit einem hohen Anteil an Solar- und Windenergie gilt das besonders. Dort hängen die Stromkosten weniger am Tropf fossiler Brennstoffe als im klassischen Tankgeschäft.

Soweit, so gut. Nur ist das leider nicht die ganze Geschichte.

Was der Blick auf den Ladestecker ausblendet

Fossile Energie ist kein reines Fahrproblem – sie ist ein Wirtschaftsproblem. Öl und Gas treiben nicht nur Autos an, sie sind der Schmierstoff der gesamten Lieferkette: von der Fabrik über den Lkw bis ins Supermarktregal.

Nehmen wir den Güterverkehr. Fast alle Lastwagen fahren mit Diesel. Wird Diesel teurer, steigen die Transportkosten – und die geben Unternehmen zuverlässig weiter. An uns. Der Preisaufkleber auf dem Joghurt, dem T-Shirt, dem Möbelstück – er reflektiert auch den Dieselpreis, den der Fahrer auf der Autobahn bezahlt hat.

Ähnliches gilt fürs Fliegen: Kerosin macht einen erheblichen Teil der Ticketkosten aus. Teures Öl, teure Flüge. Oder die Landwirtschaft: Maschinen laufen mit Diesel, Düngemittel entstehen aus Erdgas. Wenn beides teurer wird, landet das letztlich im Preis fürs Brot.

Und die Industrie? Chemie, Kunststoff, Stahl – alles hängt an fossilen Rohstoffen, nicht nur als Brennstoff, sondern als Grundmaterial. Preissteigerungen dort wirken wie ein Fieberfieber: Sie verbreiten sich durch die gesamte Wirtschaft.

Das Fazit, das keiner gerne hört

Elektroautofahrer zahlen nicht mehr an der Ladesäule, wenn der Ölpreis steigt. Das ist ein echter, spürbarer Vorteil – besonders für Menschen, die viel pendeln. Doch im Supermarkt, beim Online-Einkauf, im Restaurant oder beim nächsten Urlaub zahlen sie genauso drauf wie alle anderen. Die Inflation kennt keine Ausnahme für E-Auto-Besitzer.

Vollständige Unabhängigkeit von fossilen Energiepreisen wäre erst dann möglich, wenn nicht nur Autos elektrisch führen, sondern Lkws, Schiffe, Traktoren – wenn Fabriken mit Ökostrom liefen und Dünger ohne Erdgas hergestellt würde. Davon sind wir, ehrlich gesagt, noch weit entfernt.

Das schmälert den Sinn des Umstiegs nicht. Elektromobilität reduziert die persönliche Abhängigkeit vom Ölpreis – und das ist nicht nichts. Aber wer denkt, er habe sich damit vollständig aus dem Spiel genommen, sitzt einem angenehmen, aber trügerischen Gefühl auf.

Die Weltwirtschaft ist ein Netz. Und in diesem Netz hängen wir alle – ob mit Stecker oder ohne.

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