Gesund bis zur letzten Schraube: Teslas neue Definition von Arbeitsfähigkeit
Man muss Tesla wirklich Respekt zollen: Wo andere Unternehmen sich hilflos mit steigenden Krankenständen abfinden, löst man in Grünheide das Problem an der Wurzel – nicht durch bessere Arbeitsbedingungen, sondern durch besseres Buchführen. Aus zweistelligen Ausfallquoten werden plötzlich vorzeigbare fünf Prozent. Ein Wunder der modernen Medizin? Nein. Ein Wunder der modernen Verwaltung.
Die Erfolgsformel tarnt sich zunächst als Fürsorge. Ein Fitnessstudio, damit der Körper hält, was der Schichtplan fordert. Ein Barbershop, damit man auch im elften Stundentag noch ansehnlich aussieht. Ein Aktienprogramm, damit man emotional investiert bleibt, auch wenn die Bandscheibe es nicht mehr ist. Und für besonders hartnäckige Kranke: ein Tesla-Mietwagen für 25 Euro täglich – weil wer mobil ist, offensichtlich auch arbeitsfähig sein könnte. Mobilität als Verdachtsmoment, sozusagen.
Hinter dieser Wellness-Kulisse wartet das eigentliche Herzstück des Systems. Krank ist nämlich nicht gleich krank – eine philosophische Einsicht, die Tesla sich offenbar als erstes Unternehmen wirklich zu Herzen genommen hat. Wer nach sechs Wochen erneut ausfällt, betritt ein rechtliches Minenfeld mit dem Charme einer Betriebsprüfung: Ist das eine neue Erkrankung oder die alte in neuem Outfit? Tesla beantwortet diese Frage bevorzugt selbst – verständlicherweise, denn Krankenkassen und Ärzte sind bekannt dafür, im Zweifel für den Patienten zu entscheiden, was sich betriebswirtschaftlich als suboptimal erweist. Der Mitarbeiter darf derweil seine Symptome in aller Ausführlichkeit darlegen und seinen Arzt von der Schweigepflicht entbinden. Transparenz als Einbahnstraße – aber immerhin eine gut asphaltierte.
Arbeitsrechtler bewerten diesen Ansatz mit der verhaltenen Begeisterung von Menschen, die gelernt haben, ihre wahre Meinung juristisch zu verpacken. Was Tesla von seinen Beschäftigten verlangt, schrammt offenbar am Rande dessen entlang, was das Gesetz formal noch toleriert – ein Bereich, den man in anderen Branchen "Grauzone" nennt und bei Tesla vermutlich "Best Practice."
Flankiert wird das alles von klassischer Effizienzoptimierung: weniger Menschen, mehr Autos, Automatisierung als moralische Rechtfertigung. Die Logik ist bestechend einfach. Wer rationalisiert wird, erscheint nicht mehr in der Krankenstatistik. Wer 60-Stunden-Wochen arbeitet, hat schlicht keine Zeit, krank zu sein. Und wer gegangen wurde, belastet die Quote gar nicht erst. Prävention durch Personalabbau – ein Ansatz, auf den die Betriebsmedizin bislang noch nicht gekommen war.
Das Ergebnis ist ein System von beeindruckender innerer Logik. Krankheit wird nicht bekämpft, sondern umdefiniert. Der Körper darf versagen – aber er muss dieses Versagen mit ärztlichen Attesten, Entbindungserklärungen und Anamnesegesprächen ausreichend belegen. Wer das nicht kann oder will, ist vielleicht doch gesünder als gedacht. Und so gelingt Tesla, was der deutschen Industrie jahrzehntelang verwehrt blieb: die Verschmelzung von Kontrollbedürfnis, juristischer Kreativität und betrieblicher Folklore zu einem kohärenten Gesamtkunstwerk. Gesund ist, wer erscheint. Alle anderen sind ein laufendes Klärungsverfahren.