Man sollte nüchtern sein, bevor man eine Entscheidung trifft.
Kubicki will es nochmal wissen – aber reicht das?
Wolfgang Kubicki kandidiert erneut für den FDP-Vorsitz. Und man muss sich schon fragen: Was sagt es über eine Partei aus, wenn sie in ihrer schwersten Krise auf einen Mann setzt, der seit Jahrzehnten zum Inventar gehört?
Die FDP liegt am Boden, das lässt sich kaum beschönigen. Raus aus dem Bundestag, eine Schlappe nach der anderen bei Landtagswahlen – die Partei ringt nicht bloß um Stimmen, sondern um ihre nackte Existenz. Und mitten in dieses Chaos tritt Kubicki ans Mikrofon und sagt im Grunde: Ich mach das jetzt.
Der alte Fuchs hat durchaus seine Stärken
Man muss ihm lassen: Wenige in der FDP kennen das politische Geschäft so gut wie er. Kubicki ist ein Medienprofi, er kann Säle füllen und Talkshows dominieren. Er redet Klartext, manchmal vielleicht etwas zu viel davon, aber in einer Partei, die zuletzt vor allem durch Orientierungslosigkeit aufgefallen ist, hat das seinen Reiz. Seine Ankündigung, die FDP wieder „klar im Inhalt und klar in der Sprache" aufzustellen, klingt erstmal nach dem, was viele Liberale hören wollen: zurück zu den Wurzeln, raus aus dem Wischiwaschi.
Das Dilemma dahinter
Nur liegt genau hier das Problem. Eine Partei, die nach einem derartigen Absturz ausgerechnet auf einen 72-Jährigen setzt, der schon alles war und alles gesehen hat – die sendet ein merkwürdiges Signal. Intern grummelt es längst. Jüngere Mitglieder fragen sich zurecht, wann eigentlich ihre Zeit kommt. Der Ruf nach frischen Gesichtern wird lauter, und er ist berechtigt. Denn Erneuerung lässt sich schwer glaubhaft verkaufen, wenn an der Spitze jemand steht, der die alte Garde verkörpert wie kaum ein Zweiter.
Die wahren Baustellen liegen tiefer
Und ehrlich gesagt: Die FDP-Krise hat nur am Rande mit der Frage zu tun, wer gerade Parteivorsitzender ist. Die Partei hat in den vergangenen Jahren ihr Profil regelrecht verschlissen. In der Ampel wirkte sie oft wie ein Fremdkörper, der weder richtig mitregieren noch glaubhaft opponieren konnte. Wirtschaftsliberalismus hier, gesellschaftspolitisches Lavieren dort – am Ende wussten viele Wählerinnen und Wähler schlicht nicht mehr, wofür die FDP eigentlich steht. Kubickis Versprechen, wieder klarer zu kommunizieren, greift da zu kurz. Klare Worte helfen wenig, wenn dahinter keine klare Strategie steht.
Machtkampf hinter den Kulissen
Dass Christian Dürr, der bisherige Parteichef, Kubicki offenbar unterstützt, soll wohl eine offene Feldschlacht verhindern. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Jüngere Kandidaten wittern ihre Chance und positionieren sich als Gesichter eines echten Neuanfangs. Dieser innerparteiliche Kampf wird entscheidend sein – nicht nur für die Personalfrage, sondern für die grundsätzliche Richtung. Verliert sich die FDP in internem Gerangel, war es das womöglich endgültig.
Was das für das bürgerliche Lager bedeutet
Über die Parteigrenzen hinaus hätte eine wiedererstarkende FDP durchaus Gewicht. Kubicki könnte versuchen, enttäuschte bürgerliche Wähler einzusammeln, die mit der CDU hadern. Das wäre strategisch clever – aber es setzt voraus, dass die FDP überhaupt wieder über fünf Prozent kommt. Und daran gibt es momentan erhebliche Zweifel.
Aufbruch oder Rückgriff?
Am Ende bleibt ein ungutes Gefühl. Kubickis Kandidatur wirkt weniger wie ein mutiger Neustart und mehr wie der Versuch, mit alten Rezepten eine neue Krise zu bewältigen. Das kann funktionieren, keine Frage. Aber die FDP braucht mehr als einen erfahrenen Steuermann. Sie braucht eine ehrliche Antwort auf die Frage, wofür sie im Jahr 2025 eigentlich steht. Solange diese Antwort ausbleibt, wird auch ein Wolfgang Kubicki den Abwärtstrend nicht stoppen können – so redegewandt und kampferprobt er auch sein mag.