Volkswagen richtet sich auf ein kleineres, effizienteres Geschäftsmodell aus
Volkswagen steht vor einem tiefgreifenden Umbau. Der Konzern will sich bis 2030 strukturell neu aufstellen, weil das bisherige Geschäftsmodell nach Einschätzung der Unternehmensführung nicht mehr ausreicht, um die Zukunft des Unternehmens nachhaltig zu finanzieren. Im Zentrum der geplanten Neuausrichtung stehen Kostensenkungen, eine Reduktion von Produktionskapazitäten, ein vereinfachtes Produktportfolio und eine stärkere Fokussierung auf Elektromobilität, Digitalisierung, Konnektivität und künstliche Intelligenz. Konzernchef Oliver Blume beschreibt die Transformation nicht als zeitlich begrenztes Projekt, sondern als dauerhaften Prozess unter hohem Wettbewerbs- und Innovationsdruck.
Auslöser der verschärften Spar- und Umbaupläne ist die wirtschaftliche Lage des Konzerns. Laut einer internen Management-Information verdient Volkswagen mit seinen Fahrzeugen derzeit nicht genügend Geld. Finanzvorstand Arno Antlitz wird mit der Einschätzung zitiert, dass die bislang geplanten Kostensenkungen im aktuellen Umfeld nicht ausreichten. Das Unternehmen müsse sein Geschäftsmodell grundlegend verändern und strukturelle, nachhaltige Verbesserungen erzielen. Dabei verweist Volkswagen auf geopolitische Unsicherheiten, steigenden Wettbewerbsdruck und eine veränderte Marktlage.
Ein Kernpunkt der Strategie ist die Anpassung der Produktionskapazitäten. Volkswagen war nach Angaben Blumes auf mehr als zwölf Millionen Fahrzeuge ausgelegt. Realistisch sei künftig ein Absatz von rund neun Millionen Fahrzeugen pro Jahr. Daraus ergibt sich aus Sicht des Managements weiterhin ein erhebliches Überkapazitätsproblem. Bereits in den vergangenen Jahren seien Kapazitäten in China sowie bei Volkswagen und Audi reduziert worden; dennoch sieht der Konzern weiteren Handlungsbedarf. Werksschließungen werden offiziell nicht als bevorzugte Lösung dargestellt, aber auch nicht grundsätzlich ausgeschlossen.
Besonders konkret wird die Neuausrichtung am Standort Osnabrück. Dort sollen ab 2027 keine Produkte des Volkswagenkonzerns mehr gebaut werden. Stattdessen führt Volkswagen Gespräche mit Unternehmen der Verteidigungsbranche. Blume nennt als mögliche Richtung militärische Transportfahrzeuge oder Verteidigungssysteme, betont jedoch, Volkswagen werde keine Waffen produzieren. Der Standort soll demnach seine Kompetenzen in Automatisierung und industrieller Fertigung in ein neues Geschäftsfeld einbringen. Diese Perspektive zeigt, wie stark der Konzern nach Anschlussverwendungen für bestehende industrielle Kapazitäten sucht.
Parallel dazu baut Volkswagen in Deutschland in der Kernmarke sowie bei Audi und Porsche insgesamt rund 50.000 Stellen ab, davon 35.000 bei der Kernmarke. Betriebsbedingte Kündigungen sind laut Vereinbarung mit der IG Metall bis 2030 ausgeschlossen; der Personalabbau soll vor allem über Altersteilzeit und Abfindungen erfolgen. Damit setzt der Konzern auf eine sozial abgefederte Reduktion der Belegschaft, die gleichwohl die Dimension des Umbaus deutlich macht.
Neben Kapazitäten und Personal will Volkswagen auch die Produkt- und Kostenstruktur verändern. Der Konzern plant, das Portfolio zu verschlanken, sich auf weniger Plattformen und Technologien zu konzentrieren und die Zahl der Ausstattungsvarianten zu reduzieren. Ziel ist eine geringere Komplexität in Entwicklung, Produktion und Beschaffung. Blume stellt in Aussicht, dass niedrigere Kosten langfristig auch zu wettbewerbsfähigeren Preisen führen könnten. Gleichzeitig betont er, dass nicht an der Qualität gespart werden solle. Vielmehr erhofft sich Volkswagen durch bessere Qualität auch geringere Garantie- und Folgekosten.
Ein wesentlicher Referenzpunkt für die Strategie ist China. Dort sieht Volkswagen nicht nur einen wichtigen Absatzmarkt, sondern auch ein Modell für schnellere Entwicklungsprozesse und niedrigere Kostenstrukturen. Der Konzern hat seine China-Strategie bereits umgestellt und will stärker „in China für China“ entwickeln. Nach Angaben Blumes sollen dort bis Ende 2027 insgesamt 30 neue Produkte und bis 2030 sogar 50 Produkte auf den Markt kommen. Volkswagen versucht damit, deutsche Stärken bei Design, Qualität und Sicherheit mit chinesischer Geschwindigkeit, Digitalisierungskompetenz und Kosteneffizienz zu verbinden.
Die Neuausrichtung betrifft nicht allein die Marke Volkswagen. Auch Audi und Porsche werden in die Spar- und Umbauprogramme einbezogen. Audi-Chef Gernot Döllner beschreibt die Lage als grundsätzliche Herausforderung für den Fortbestand der deutschen Automobilindustrie. Porsche-Chef Michael Leiters spricht zwar von einer Chance, verweist aber ebenfalls darauf, dass eine Rückkehr zu alter Stärke Zeit brauche. Damit wird der Umbau als konzernweites Strukturprogramm angelegt, nicht als isolierte Sanierung einzelner Marken.
Politisch bleibt der Kurs sensibel. Das Land Niedersachsen hält 20 Prozent der Stimmrechte am Volkswagenkonzern und verfügt über ein Vetorecht bei wichtigen Beschlüssen. Ministerpräsident Olaf Lies hatte sich gegen Werksschließungen ausgesprochen und zugleich betont, Volkswagen müsse sich an die Marktlage anpassen. Damit bleibt der Umbau nicht nur eine betriebswirtschaftliche, sondern auch eine industriepolitische Frage. Entscheidend wird sein, ob es Volkswagen gelingt, Kosten zu senken, Kapazitäten anzupassen und neue Geschäftsfelder zu erschließen, ohne seine industrielle Substanz in Deutschland weiter zu schwächen.