Vom Finanzminister zum Gebrauchtwagenhändler

Eine Karriere im Sonderangebot

Einst hütete Christian Lindner die Milliarden der deutschen Steuerzahler, verhandelte auf G7-Gipfeln über das Schicksal der Weltwirtschaft und erklärte mit der stoischen Miene eines Mannes, dem soeben der Taschenrechner verreckt ist, warum schon wieder kein Geld da ist. Nun erklärt er, warum der dreijährige Diesel in der zweiten Reihe bei genauerem Hinsehen eigentlich das Schnäppchen des Jahrhunderts ist. Der Mann hat sich neu erfunden – vollkommen freiwillig, versteht sich. So freiwillig, wie man sich eben neu erfindet, wenn die Wähler einem die alte Version zurückgeschickt haben, mit der freundlichen Bitte um Erstattung.

Der Wechsel vom Bundesfinanzminister zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Autoland AG ist, je nach Perspektive, entweder ein Akt politischer Integrität oder der ambitionierteste Karriererückwärtsgang seit Erfindung des Schaltgetriebes. Lindner selbst sieht es – Überraschung! – anders. Er habe den „Schalter umgelegt" – ein Bild, das er mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes verwendet, der seit neuestem offenbar sehr, sehr viel über Schalter, Hebel und Getriebestufen nachdenken muss. Beruflich.

London hat gewinkt. Private-Equity-Häuser haben gelockt. Brüsseler Beratergremien standen angeblich Schlange – vermutlich die gleiche Schlange, die auch schon vor der FDP-Zentrale gestanden hatte. Doch Lindner, der Prinzipienreiter hoch zu Ross, wollte das alles nicht. Kein diskretes Lobbying, keine halbseidene Einflussmaklerrolle hinter zugezogenen Vorhängen bei Chablis und Canapés. Nein, er wollte gestalten. Operativ. Mit Ergebnisverantwortung. Mit richtigen Zahlen, die am Monatsende sogar stimmen müssen – ein für ihn zweifellos erfrischend neues Konzept.

So landete der einstige Hüter des Bundesetats im ländlichen Ostdeutschland, bei einem Unternehmen mit 37 Standorten, einem Zielumsatz von 1,2 Milliarden Euro und einem Durchschnittspreis von 25.000 Euro pro Fahrzeug. Man muss fairerweise einräumen: Das ist kein Flohmarkt. Die Bezeichnung „Gebrauchtwagenhändler", die in manchem Kommentar mit kaum verhohlener Schadenfreude durch die Feuilletons wandert, trifft die Sache nur zur Hälfte – immerhin sind 50 Prozent des Absatzes Neuwagen. Aber „stellvertretender Vorstandsvorsitzender eines Multibrand-Automobilhändlers mit digitalem Transformationsanspruch" klingt in der Schlagzeile nun einmal weniger saftig. Und seien wir ehrlich: Wer möchte schon auf das Bild verzichten, wie Christian Lindner in Lederjacke einen Kunden fragt, ob er auch Bar bezahlen kann – „Sie verstehen, wegen der Marge".

Lindner verantwortet nun Vertrieb, Marketing und Digitalisierung. Er möchte den „analogen Handel in datengetriebene Geschäftsmodelle transformieren" – eine Formulierung, die so unverschämt nach Koalitionsvertrag klingt, dass man sich fragt, ob er sie einfach Strg+C, Strg+V aus seinen alten Reden übernommen hat. Angesichts der bekannten Halbwertszeit jener Dokumente ist das ein durchaus sportliches Unterfangen. Aber wer die Schuldenbremse für ewig hält, dem traut man auch zu, dass ein Powerpoint-Bullet-Point das Jahrzehnt überdauert.

Natürlich schweigt der Mann nicht zu den großen Fragen. Als frischgebackener Brancheninsider mit – man höre und staune – ganzen sechs Monaten Berufserfahrung warnt er vor dem „Restwert-Paradox" staatlicher E-Auto-Prämien: Neuwagensubventionen drücken die Gebrauchtwagenpreise, schädigen Bestandshalter und verzerren den Markt. Eine analytisch durchaus bemerkenswerte Beobachtung – die pikanterweise noch ein klein wenig an Schärfe gewinnt, wenn man berücksichtigt, dass sinkende Gebrauchtwagenpreise für einen Gebrauchtwagenhändler eine gewisse, nun ja, persönliche Note haben dürften. Aber das ist natürlich reiner Zufall. Ordnungspolitik aus reinster Quelle. Ganz ohne Eigeninteresse. Versprochen.

Geopolitisch gibt es ebenfalls Einschätzungen – gratis und ungefragt, wie immer. Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen gegen eine Abhängigkeit von chinesischen Batterien einzutauschen, sei strategisch kurzsichtig. Der Plug-in-Hybrid müsse als Brückentechnologie unbedingt erhalten bleiben. Ein mutiges Plädoyer. Rein zufällig dürfte die Autoland AG auch Plug-in-Hybride im Sortiment haben. Es ist immer wieder ergreifend, wenn tiefe persönliche Überzeugung und aktuelles Produktportfolio derart innig harmonieren. Man müsste das fast als Liebesgeschichte verfilmen.

Und dann ist da noch das neue Privatleben, über das Lindner in einer Offenherzigkeit spricht, als hätte er soeben das Familienmodell erfunden. Keine Wochenendtermine mehr, keine permanente Repräsentationspflicht, kein Echtzeit-Nachrichtenkonsum mehr – der Mann hat das Leben entdeckt. Stattdessen: Vaterschaft, Familienzeit und das stille Glück, gelegentlich die Tochter zu betreuen, wenn die Gattin – Unternehmerin, Journalistin, Multitalent – unaufschiebbare Verpflichtungen hat. Der Mann, der einst keine Schulden machen wollte, macht nun Überstunden in der Work-Life-Balance. Deutschland atmet auf: Wenigstens einer spart jetzt wirklich.

Die Öffentlichkeit, so berichtet er mit der sanften Verwunderung eines Entdeckers, begegne ihm heute mit Neugier statt ideologischer Schärfe. Kein Wunder! Wer keine politische Macht mehr anstrebt und keinen Haushalt mehr kürzen kann, ist wesentlich schwerer anzufeinden – eine tiefe soziologische Einsicht, auf die vor ihm höchstens jeder ehemalige Politiker mit einem gut dotierten Posten gekommen wäre. Das ist weniger eine Erkenntnis über die Gesellschaft als vielmehr eine Grundwahrheit der menschlichen Konfliktdynamik, die sich in jeder Kneipe ab 23 Uhr bestätigen lässt.

Am Ende bleibt das Bild eines Mannes, der die Ampel abgeschaltet, das Steuer herumgerissen und sich in den Mittelstand eingebogen hat – mit Blinker, versteht sich, korrektem Schulterblick und einem leisen „Ich wollte das so" auf den Lippen. Ob der „Schalter", den er am Wahlabend so entschlossen umgelegt haben will, tatsächlich auf Dauer eingerastet bleibt – oder ob er beim nächsten politischen Frühlingserwachen wieder geräuschvoll in die andere Richtung klackt –, das wird die Zeit zeigen. Wetten werden in gängigen Münzeinheiten angenommen; Plug-in-Hybride nur mit Aufpreis.

Bis dahin gilt: Probefahrten sind unverbindlich. Die Rückkehr in die Politik vermutlich auch.

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