Was nicht erreicht wurde: Die Grenzen der Operation Epic Fury

Am 8. April 2026 treten Verteidigungsminister Pete Hegseth und General Dan Caine, der Vorsitzende der Joint Chiefs of Staff, vor die Kameras. Gerade hat Washington ein befristetes Ceasefire mit dem Iran verkündet, und die beiden Männer tun das, was man in solchen Momenten eben tut: Sie zeichnen ein Bild des Erfolgs. 38 Tage Militäroperation, große Teile der iranischen Marine zerstört, die Luftabwehr in Trümmern, die Rüstungsindustrie schwer getroffen, die militärische Führungsebene dezimiert. Ein „historischer Sieg", so die offizielle Lesart.

Niemand wird bestreiten, dass die taktischen Erfolge real sind. Aber wer genauer hinschaut, erkennt schnell: Die wirklich entscheidenden Ziele der Operation wurden nicht erreicht. Und genau darüber schweigt die offizielle Darstellung weitgehend.

Das Nuklearprogramm: getroffen, aber nicht gestoppt

Von Anfang an war die Botschaft klar gewesen – Teheran darf niemals eine Atomwaffe besitzen. Zahlreiche oberirdische und bekannte Anlagen wurden auch tatsächlich getroffen. Doch was ist mit dem Rest? Experten der Internationalen Atomenergie-Organisation und unabhängige Analysten kommen zu einem ernüchternden Befund: Ein erheblicher Teil der kritischen Infrastruktur dürfte intakt geblieben sein. Unterirdische Zentrifugenanlagen, versteckte Vorräte an angereichertem Uran – all das lässt sich mit Luftschlägen allein nicht zuverlässig ausschalten. Und das wissenschaftliche Know-how, das in den Köpfen iranischer Ingenieure und Physiker steckt, lässt sich ohnehin nicht wegbomben.

Wer in die Geschichte blickt, findet wenig Grund zum Optimismus. Militärschläge gegen Nuklearprogramme haben in der Vergangenheit das Gegenteil des Beabsichtigten bewirkt – sie haben den politischen Willen zur Bombe eher gestärkt als gebrochen. Das klassische Sicherheitsdilemma droht sich zu wiederholen: Ein Regime, das sich gerade existenziell bedroht fühlt, könnte nun erst recht den Schluss ziehen, dass nur eine eigene Abschreckungswaffe sein Überleben sichert.

Das Regime: geschwächt, aber nicht gestürzt

Ja, der oberste Führer ist tot, ebenso zahlreiche hochrangige Vertreter der Revolutionsgarden und des Sicherheitsapparats. Aber die politische Architektur der Islamischen Republik steht noch. Von einem inneren Kollaps, einem Machtvakuum oder gar einer breiten Volkserhebung gegen das System ist bislang nichts zu sehen.

Im Gegenteil: Es gibt gute Gründe zu befürchten, dass die gezielten Tötungen und die kollektive Demütigung das Regime nicht etwa schwächen, sondern radikalisieren. Nationalismus und Märtyrerkult sind mächtige Werkzeuge. Wer vor wenigen Wochen noch leise mit dem System haderte, könnte sich nun hinter der Flagge versammeln. Das wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass ein Angriff von außen einem angeschlagenen Regime neue innenpolitische Legitimation verschafft.

Die Proxy-Netzwerke: beschädigt, aber nicht zerschlagen

Operation Epic Fury hat Irans konventionelle Projektionsmacht massiv beschnitten – so viel ist sicher. Doch Teherans eigentliche Stärke lag nie in Fregatten oder Kampfjets. Sie lag in einem über Jahrzehnte gewachsenen Netz aus Stellvertretern: die Hisbollah im Libanon, die Huthi-Rebellen im Jemen, schiitische Milizen im Irak und in Syrien. Diese Strukturen sind nicht verschwunden. Sie brauchen keine großen Budgets, um Terroranschläge zu verüben, Raketen abzufeuern oder Cyberangriffe zu starten.

Wie verwundbar die Weltwirtschaft bleibt, hat die vorübergehende Blockade der Straße von Hormuz bereits eindrücklich gezeigt. Selbst ein konventionell unterlegener Iran kann enormen wirtschaftlichen Schaden anrichten – und er weiß das.

Die „Day-After"-Frage: offen wie ein Scheunentor

Was vielleicht am meisten beunruhigt, ist das, was nach dem Ceasefire kommt – oder besser gesagt: das Fehlen einer Antwort darauf. Weder die USA noch ihre regionalen Partner haben bislang einen tragfähigen Plan vorgelegt, wie eine dauerhafte Stabilisierung der Golfregion aussehen soll. Keine langfristige Präsenzstrategie, kein diplomatischer Rahmen, kein erkennbarer Weg, der nicht in erneuter Eskalation mündet.

Beide Seiten beschreiben das Ceasefire als vorläufig – ein Zustand auf Pause, der jederzeit kippen kann. Dass im Hintergrund bereits mit weiteren Schlägen auf zivile Infrastruktur gedroht wird, macht die Lage nicht stabiler. Es zeigt vor allem eines: Die militärische Logik dominiert weiterhin. Eine politische Lösung ist nicht einmal in Umrissen erkennbar.

Was bleibt

Operation Epic Fury hat Irans konventionelle Schlagkraft um Jahre zurückgeworfen. Das ist ein Fakt, den man anerkennen muss. Aber die Fragen, auf die es wirklich ankommt, sind nach 38 Tagen Krieg so offen wie zuvor: Wie verhindert man eine iranische Atomwaffe? Wie dämmt man ein asymmetrisches Terrornetzwerk ein, das sich längst über die halbe Region erstreckt? Und wie schafft man eine stabile Ordnung in einer Gegend, die seit Jahrzehnten keine kennt?

Ob sich das erreichte militärische Übergewicht in politischen Fortschritt übersetzen lässt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Die Geschichte vergleichbarer Konflikte im Nahen Osten mahnt allerdings zur Vorsicht. Taktische Siege allein haben dort selten dauerhaften Frieden gebracht. Meistens haben sie nur das nächste Kapitel aufgeschlagen.

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