Der 1. Mai gehört abgeschafft – ein längst überfälliger Fortschritt
Es gibt Dinge, die halten sich hartnäckiger als Faxgeräte in deutschen Behörden oder die kollektive Überzeugung, dass Meetings irgendwann mal zu einem Ergebnis führen. Der 1. Mai ist so ein Fall. Ein gesetzlicher Feiertag, der sich seit über einem Jahrhundert trotzig behauptet – und das in einer Zeit, in der wir doch längst effizienter, digitaler und vor allem beschäftigter sein sollten. Höchste Zeit, diese historische Kuriosität endlich dort abzulegen, wo sie hingehört: ins Archiv.
Beginnen wir mit der naheliegenden Frage: Wozu brauchen wir noch einen „Tag der Arbeit", wenn Arbeit inzwischen einfach überall ist? Dank Smartphone, Homeoffice und der segensreichen Erfindung des Push-Benachrichtigungssystems ist Arbeit kein Ort mehr, sondern ein Aggregatzustand. Früher ging man in die Fabrik. Heute geht die Fabrik mit – ins Schlafzimmer, in den Urlaub, notfalls auch ins Krankenhaus, solange das WLAN stimmt. Der 1. Mai wirkt da fast schon rührend nostalgisch: ein Feiertag für ein Problem, das wir erfolgreich gelöst haben, indem wir es schlicht auf 24 Stunden täglich ausgeweitet haben.
Ökonomisch betrachtet ist der Feiertag ein lupenreiner Anachronismus. Ein ganzer Tag ohne Produktivität – in einem Land, das sich so gern über seine Wettbewerbsfähigkeit definiert wie andere über ihre Küche oder ihr Wetter. Während anderswo vielleicht gearbeitet wird, sitzt man hierzulande im Biergarten und reflektiert über Arbeitskämpfe des 19. Jahrhunderts. Das ist zweifellos charmant. Volkswirtschaftlich ist es ungefähr so sinnvoll wie ein verpflichtender Mittagsschlaf im Bundestag – wobei man fairerweise einräumen muss: Der Mittagsschlaf wäre vermutlich effizienter.
Hinzu kommt die gesellschaftliche Realität: Die Arbeitswelt hat sich fundamental verändert. Der klassische Industriearbeiter, dem der 1. Mai einst gewidmet war, ist heute eher eine museale Figur als gesellschaftliche Leitgestalt – irgendwo zwischen Wandkalender und Schulbuchillustration. Stattdessen haben wir Projektmanager, Content Creator und Wissensarbeiter, die sich nicht mehr kollektiv vor Werkstoren versammeln, sondern individuell vor Zoom-Kacheln in Zimmern sitzen, deren Hintergründe mehr über ihre Persönlichkeit verraten als sie möchten. „Streik" bedeutet heute: Ich antworte heute ausnahmsweise mal nicht innerhalb von drei Minuten auf Slack. Braucht es dafür wirklich einen eigenen Feiertag?
Und überhaupt: In Zeiten, in denen ernsthaft über die Vier-Tage-Woche diskutiert wird, erscheint ein zusätzlicher freier Tag fast schon obszön. Wenn die Woche ohnehin schrumpft, stellt sich zwingend die Frage, ob Feiertage nicht eine Art redundante Freizeitdopplung darstellen – Freizeit im Überfluss, ein Problem, das man früher nur aus aristokratischen Kontexten kannte. Jetzt offenbar auch aus deutschen.
Natürlich wird gern auf die historische Bedeutung verwiesen. Arbeitskämpfe, soziale Errungenschaften, Solidarität – alles richtig, alles wichtig, alles gut gemeint. Aber Geschichte ist kein statisches Monument, sondern ein Prozess. Und Prozesse kann man optimieren. Vielleicht genügte es, sich einmal jährlich kurz zu erinnern – sagen wir, in einem verpflichtenden 15-minütigen Webinar mit anschließendem Multiple-Choice-Test. Wer besteht, darf sich symbolisch fünf Minuten früher ausloggen. Wer nicht besteht, bucht die Aufzeichnung nach.
Auch das Argument der „kollektiven Erholung" überzeugt nur bedingt. Wer echte Erholung braucht, findet sie ohnehin individuell – und wer sie nicht braucht, wird durch einen freien Tag auch nicht plötzlich produktiver. Im Gegenteil: Der abrupte Wechsel zwischen Nichtstun und Arbeitsmodus erzeugt kognitive Reibungsverluste, die in keiner Excel-Tabelle sauber abgebildet werden können und deshalb schlicht nicht existieren sollten. Die rationalere Lösung wäre schlicht Kontinuität: einfach durchgehend arbeiten, dann stellt sich kein störender Bruch ein.
Nicht zuletzt hat der 1. Mai ein handfestes Imageproblem. Demonstrationen, politische Parolen, gelegentlich auch Ausschreitungen – das passt nur bedingt in eine Zeit, die sich so gern als post-ideologisch versteht wie ein Startup, das behauptet, keine Hierarchien zu haben. Ein Feiertag, der aktiv zur Meinungsäußerung auf der Straße ermutigt, wirkt geradezu subversiv. Dabei wäre es doch so viel unkomplizierter, wenn alle einfach still ihrer Arbeit nachgingen – möglichst effizient, möglichst unauffällig, idealerweise ohne historische Referenzen, die unbequeme Fragen aufwerfen.
Am Ende bleibt die nüchterne Erkenntnis: Der 1. Mai ist ein Relikt. Ein gut gemeintes, historisch verständliches, aber im modernen Kontext zunehmend schwer vermittelbares Konstrukt. Seine Abschaffung wäre kein Verlust, sondern ein konsequenter Schritt in Richtung einer Gesellschaft, die ihre Prioritäten glasklar gesetzt hat: Produktivität vor Symbolik, Effizienz vor Erinnerung, Gegenwart vor Vergangenheit.
Und wer weiß – vielleicht bleibt dann ja sogar Raum für neue Feiertage. Zum Beispiel einen „Tag der permanenten Erreichbarkeit". Der hätte zumindest den unschlagbaren Vorteil, dass man ihn nicht extra freinehmen müsste.