Insolvenzen in Deutschland und Westeuropa steigen deutlich

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland und Westeuropa nimmt weiter zu. Aktuelle Auswertungen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle und der Wirtschaftsauskunftei Creditreform zeigen, dass die Belastungen für Unternehmen nicht mehr allein als Folge einer schwachen Konjunktur zu erklären sind. Vielmehr verdichten sich Hinweise auf strukturelle Probleme: schwacher Welthandel, geopolitische Unsicherheit, hohe Energiekosten, bürokratische Lasten, verhaltene Konsumnachfrage und anhaltender Preisdruck treffen viele Betriebe gleichzeitig.

In Deutschland erreichten die Firmeninsolvenzen im April 2026 einen Stand, wie er seit mehr als 20 Jahren nicht mehr verzeichnet wurde. Das IWH registrierte 1.776 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften. Das entspricht einem Anstieg um drei Prozent gegenüber März und um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Im Vergleich zu einem durchschnittlichen April der Jahre 2016 bis 2019 liegt die Zahl sogar um 82 Prozent höher. Besonders betroffen waren zuletzt das Hotel- und Gastgewerbe sowie das Grundstücks- und Wohnungswesen. Regional fielen vor allem Berlin und Bayern durch hohe Fallzahlen auf.

Eine kurzfristige Entspannung ist nach Einschätzung der Fachleute nicht absehbar. Das IWH rechnet bis einschließlich Juli mit weiterhin sehr hohen Insolvenzzahlen. Auffällig ist zudem, dass nicht nur die Zahl der Verfahren steigt, sondern auch die Zahl der betroffenen Beschäftigten deutlich über früheren Vergleichswerten liegt. Damit gewinnt die Entwicklung über die reine Unternehmensstatistik hinaus arbeitsmarkt- und strukturpolitische Bedeutung.

Auch in Westeuropa hat sich die Lage verschärft. Creditreform zählte für 2025 rund 197.610 Unternehmensinsolvenzen. Das waren 4,8 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2002. Es handelte sich bereits um den vierten jährlichen Anstieg in Folge. Nach Angaben der Auskunftei liegt das Insolvenzniveau inzwischen höher als nach der Finanzkrise 2008/2009. Besonders starke Zuwächse wurden in der Schweiz, Griechenland, Finnland und Deutschland registriert. In Deutschland lag die Zahl der Firmenpleiten 2025 bei gut 24.000 und damit auf dem höchsten Stand seit 2014.

Die Entwicklung verläuft allerdings nicht in allen Ländern gleich. Während die Insolvenzen in vielen westeuropäischen Volkswirtschaften zunahmen, meldeten einige Länder, darunter die Niederlande, Irland und Norwegen, rückläufige Fallzahlen. Auch deshalb ist bei internationalen Vergleichen Vorsicht geboten. Insolvenzrecht, Erfassungssysteme und die Abwicklung von Unternehmensschließungen unterscheiden sich erheblich. Die Zahlen zeigen daher eher eine übergreifende Belastungstendenz als eine vollständig harmonisierte Rangfolge der wirtschaftlichen Stabilität einzelner Staaten.

Besondere Aufmerksamkeit erhält die Frage, welche Unternehmen aus dem Markt ausscheiden. Insolvenzen gelten in einer Marktwirtschaft grundsätzlich als normaler Bereinigungsmechanismus. Problematisch wird die Entwicklung jedoch, wenn auch Betriebe mit tragfähiger Struktur unter dem Druck externer Kosten- und Nachfrageschocks aufgeben müssen. Vor allem im verarbeitenden Gewerbe droht damit der Verlust von Know-how, industrieller Substanz und Innovationsfähigkeit. Die aktuelle Insolvenzwelle ist daher nicht nur Ausdruck schwacher Nachfrage, sondern auch ein Hinweis auf sinkende Wettbewerbsfähigkeit in Teilen der europäischen Wirtschaft.

Für die kommenden Monate bleibt der Ausblick angespannt. Die Kombination aus hohen Kosten, schwacher Konjunktur und strukturellen Standortproblemen dürfte viele Unternehmen weiter belasten. Entscheidend wird weniger sein, Insolvenzen pauschal zu verhindern, sondern zu unterscheiden, ob nicht tragfähige Geschäftsmodelle aus dem Markt ausscheiden oder ob wirtschaftlich relevante Substanz verloren geht. Gerade diese Unterscheidung dürfte für Politik, Kreditwirtschaft und Unternehmen an Bedeutung gewinnen.

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