Projekt „Rettet das Kabinett“: Eine Auswilderung der besonderen Art

Wenn man ehrlich ist, sind die Parallelen kaum noch zu übersehen. Genau wie Timmy, der verirrte Buckelwal, ist auch unsere Regierung irgendwann hoffnungslos im seichten, realitätsarmen Brackwasser der Berliner Blase gestrandet. Die Orientierung? Längst verloren irgendwo zwischen Sondierung und Sondersitzung. Man schwimmt im Kreis, schnappt nach politischer Luft und schürft sich tagein, tagaus an den bürokratischen Sandbänken den Bauch wund. Das ständige Gegen-den-Strom-Schwimmen in der Koalition hat sie sichtlich abgemagert – jedenfalls in den Umfragewerten.

Was also tun mit den hilflosen Geschöpfen? Einschläfern verbietet das Grundgesetz, Auffangstationen sind überfüllt, und der Zoo hat dankend abgewunken. Also bleibt nur die bewährte „Timmy-Methode“: Wir chartern einen Schwerlastkahn.

Die Logistik ist erfreulich simpel. Das gesamte Kabinett wird vorsichtig, aber bestimmt auf die Ladefläche gehievt – einige zappeln, andere halten es reflexartig für einen Staatsbesuch und winken. Die „Blöd“-Zeitung übernimmt großzügig das Sponsoring und richtet binnen Minuten einen 24/7-Livestream ein. Deutschland sitzt gebannt vor den Bildschirmen, die Chipstüten knistern, die Schlagzeilen blinken im Sekundentakt:

„Schock an Bord: Kanzler vergisst ohne Teleprompter, wie man atmet!“

„Drama auf hoher See: Finanzminister klammert sich weinend an die Schuldenbremse!“

„Wirtschaftsministerin will den Atlantikwind besteuern – Bürokratie-Sturm aufgezogen!“

„Verkehrsminister fragt, wo die Stau-App für Wellen ist!“

Das Volk ist emotional ergriffen. Es fließen Tränen – größtenteils aus purer Erleichterung, dass der Kahn endlich ablegt.

Dann, irgendwo 300 Kilometer westlich von Helgoland, wo das Wasser tief, dunkel und vor allem brutal ehrlich ist, geht die Luke auf. Keine Talkshows mehr. Keine gepolsterten Dienstwagen. Keine Beraterstäbe, die jeden halbgaren Gedanken in eine Pressemitteilung umfrisieren. Nur noch raue, ungeschminkte Realität – jene Substanz, von der man in Berlin seit Jahren nur vom Hörensagen weiß. Ein sanfter Schubs. Platsch.

Selbstverständlich haben wir sie vorher mit hochmodernen GPS-Sendehalsbändern ausgestattet – wir sind ja keine Unmenschen. Doch wie es das Schicksal so will, reißen die Signale schon nach wenigen Minuten ab. Vermutlich Funkloch. Vermutlich Sparkurs beim Mobilfunkausbau – ironischerweise vom selben Kabinett beschlossen. Die offizielle Erklärung des Kapitäns lautet ohnehin: „Wir halten die Koordinaten geheim, um Kabinetts-Tourismus auf dem Atlantik zu vermeiden.“

In den Talkshows schlagen Experten aus Politologie, Meeresbiologie und Verhaltensforschung panisch Alarm: „Das hätte man niemals tun dürfen! Ein handelsüblicher Berufspolitiker ist gar nicht dafür gemacht, in den kalten Strömungen der echten Realität zu überleben! Ohne den Schutzpanzer aus Diäten, Spesenabrechnungen und Lobbyisten sinken die wie ein Stein – oder schlimmer: Sie schwimmen zurück.“

Doch die Empörung hält sich in überraschend engen Grenzen. Die „Blöd“-Zeitung merkt schon nach drei Tagen, dass ein leerer Ozean keine Klicks generiert. Ohne streitende Minister, ohne aufgesetzte Krawatten, ohne hektisch gestikulierende Pressesprecher verliert das Publikum jedes Interesse. Der Livestream wird stillschweigend abgeschaltet und durch eine Doku über den Paarungstanz von Nacktmullen ersetzt – die Quote steigt sofort um zwölf Prozent.

Am Ende zuckt die Nation kollektiv mit den Schultern. Aus den Augen, aus dem Sinn. Es bleibt ein ungelöstes Rätsel, wo sie nun treiben, ob sie sich zu Schwärmen formiert haben oder ob sie irgendwo an einer einsamen Felseninsel eine Koalitionsrunde abhalten, in der nichts beschlossen wird, was aber auch niemanden mehr stört.

Nur eines ist sicher: Die Luft in Berlin ist wieder erstaunlich frisch. Man riecht sogar wieder den Frühling. Und ganz leise, ganz vorsichtig, traut sich auch die Realität zurück in die Hauptstadt.

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